Schwangerschaft und Herpes-simplex-Virus-Infektion KSW
Inhaltsverzeichnis- Hintergrund
- Einteilung
- Screening und Prävention
- Diagnostik bei Symptomen
- Pränatale Diagnostik
- Therapie der akuten Episode in der Schwangerschaft
- Suppressionstherapie vor Geburt
- PPROM / früher vorzeitiger Blasensprung
- Vaginale Geburt
- Sectio caesarea
- Neugeborenes
- Stillen und Wochenbett
- Quellen
Hintergrund
HSV Typ 1 und Typ 2 können prä-, peri- oder postnatal auf das Kind übertragen werden. Gefürchtet sind die neonatale HSV-Infektion durch intrapartale Exposition bei genitalem HSV der Mutter oder postnatale Schmierinfektion (z.b. bei Herpes labialis von engen Kontaktpersonen).
Bei asymptomatischen Schwangeren mit genitalem HSV-1- und/oder HSV-2-Nachweis unter Geburt zeigten ältere Studien perinatale Transmissionsraten von 40–80% bei primärer Infektion, 25–31% bei nicht-primärer erster Episode und tief 0-3% bei rekurrenter Infektion. Es besteht somit ein hohes Risiko bei primärer oder nicht-primärer erster Episode. Bei rekurrenter Infektion Risiko deutlich geringer, da transplazentar übertragene maternale AK einen gewissen Schutz bieten.
Daher soll bei Geburtsbeginn aktiv nach genitalen Läsionen und Prodromalsymptomen gefragt und untersucht werden (Brennen, Schmerzen, Juckreiz oder Dysästhesien im Vulvovaginalbereich). Wenn Zeichen vorhanden sind, ist je nachdem eine Sectio indiziert (siehe unten). Diese Empfehlungen beruhen auf Brown et al. 2003, welcher zeigte, dass bei maternalem genitalem HSV-Nachweis die perinatale Transmission nach Sectio caesarea niedriger war als nach vaginaler Geburt: 1,2% versus 7,7%.
Einteilung
- Primäre genitale HSV-Infektion: erstmalige genitale Herpesläsion ohne HSV-1- oder HSV-2-IgG
- Nicht-primäre erste Episode: erstmalige genitale Herpesläsion bei vorhandenen AK gegen den jeweils anderen HSV-Typ
- Rekurrente genitale HSV-Infektion: genitale Herpesläsion bei vorhandenen AK gegen denselben HSV-Typ; dies kann auch die erste klinisch manifeste Episode bei zuvor asymptomatischer Infektion sein
Screening und Prävention
- Ein generelles Screening aller Schwangeren mittels HSV-Serologie wird nicht empfohlen.
- Zu Beginn der Schwangerschaft soll eine Anamnese bezüglich Herpes genitalis und Herpes labialis bei der Schwangeren und beim Partner/bei der Partnerin erhoben werden. Je nach Risikokonstellation kann eine typspezifische HSV-1/HSV-2-IgG-Serologie angeboten werden, insbesondere bei:
- unklarer Herpes-Anamnese
- bekanntem Herpes genitalis beim Partner/bei der Partnerin
- Herpes labialis beim Partner/bei der Partnerin und negativer/unklarer Herpes-labialis-Anamnese der Schwangeren
- früherem Herpes genitalis der Schwangeren zur Risikoklassifik

Bei serodiskordanten Paaren sollen Schutzmassnahmen besprochen werden
- bei HSV-1-seronegativer Schwangerer und Herpes labialis beim Partner: im 3. Trimenon Verzicht auf orogenitalen Kontakt; bei aktiven Läsionen vollständiger Verzicht auf oralen/orogenitalen Kontakt.
- bei HSV-2-seronegativer Schwangerer und Herpes genitalis beim Partner: Kondomgebrauch im 3. Trimenon; bei aktiven Läsionen vollständiger Verzicht auf Sexualkontakt inklusive orogenitalem Kontakt.
Diagnostik bei Symptomen
- Nur 1/3 der Primärinfektionen, bzw. nicht-primären ersten Episoden einer genitalen HSV-Infektion in der Schwangerschaft verlaufen symptomatisch (genitale Vesikel und nässende Ulzerationen)
- Bei ca. 70% systemische Beschwerden (Fieber, Kopfschmerzen, Gliederschmerzen)
- Rezidive machen sich vor Auftreten der ersten Läsionen in ca. 80% durch Prodromalsymptome wie Brennen/Schmerzen bemerkbar und in dieser Phase ist bereits Virus-DNA auf der Haut nachweisbar!
- Bei erstmalig auftretenden Symptomen eines Herpes genitalis in der Schwangerschaft soll eine Labordiagnostik erfolgen:
- HSV-PCR aus der Läsion mit Differenzierung HSV-1/HSV-2
- UND Typspezifische HSV-1- und HSV-2-IgG-Serologie
- Bei bekanntem rezidivierendem Herpes genitalis und typischer Klinik ist keine erneute Labordiagnostik erforderlich.
- Die Serologie ist zusätzlich zur PCR notwendig, da es sich bei bis zu 15% der vermeintlich ersten klinischen HSV-Episoden um eine rekurrente Infektion nach zuvor asymptomatischer Erstinfektion handelt. Bei Primärinfektionen werden typenübergreifende IgG-Tests häufig nach 2–3 Wochen positiv; typspezifische Tests können länger negativ bleiben.
- Bei Verdacht auf disseminierte HSV-Infektion, insbesondere bei Fieber unklarer Genese, Hepatitiszeichen, Transaminasenerhöhung, Koagulopathie, Thrombozytopenie, neurologischen Symptomen oder schwerem Krankheitsbild, ist eine sofortige interdisziplinäre Abklärung und intravenöse antivirale Therapie zu veranlassen.
Pränatale Diagnostik
- Eine Amniozentese zum Ausschluss einer fetalen HSV-Infektion ist bei maternaler Primärinfektion allein nicht indiziert.
- Eine HSV-PCR aus Fruchtwasser kann erwogen werden, wenn fetale Auffälligkeiten bestehen, die differenzialdiagnostisch zu einer intrauterinen HSV-Infektion passen, und häufigere Ursachen, insbesondere CMV, ausgeschlossen oder mitabgeklärt werden.
- Eine routinemässige differenzierte Ultraschalluntersuchung allein aufgrund einer maternalen HSV-Infektion ist nicht erforderlich.
Therapie der akuten Episode in der Schwangerschaft
- Supportive Therapie: Paracetamol bei Schmerzen, lokal Lidocain-Gel 2% bei Bedarf
- Eine lokale antivirale Therapie wird nicht empfohlen.
- Bei primärer genitaler HSV-Infektion oder nicht-primärer erster Episode soll baldmöglichst eine systemische antivirale Therapie begonnen werden:
- Aciclovir 400 mg p.o. 1-1-1 für 5–10 Tage oder
- Valaciclovir 500 mg p.o. 1-0-1 für 5–10 Tage
- Bei persistierenden Symptomen oder Auftreten neuer Läsionen nach 5 Tagen Verlängerung auf insgesamt 10 Tage.
- Ein rekurrenter Herpes genitalis verläuft meist mild und muss nicht routinemässig antiviral behandelt werden. Bei ausgeprägter Symptomatik kann behandelt werden mit:
- Aciclovir 400 mg p.o. 1-1-1 für 5 Tage oder
- Valaciclovir 500 mg p.o. 1-0-1 für 5 Tage
- Bei schwerer, disseminierter oder viszeraler HSV-Infektion: stationäre Aufnahme, infektiologische Mitbetreuung und intravenöse Therapie mit Aciclovir
Suppressionstherapie vor Geburt
- Eine Suppressionstherapie ist indiziert bei allen (primärer, nicht-primärer, rekurrenter) HSV-Infektion in der Schwangerschaft
- Sie soll zusätzlich angeboten werden bei positiver Anamnese für Herpes genitalis vor der Schwangerschaft, auch wenn in der aktuellen Schwangerschaft bisher kein Rezidiv aufgetreten ist (gemäss ACOG).
- Schema ab 36+0 SSW bis zur Geburt: Aciclovir 400 mg p.o. 1-1-1 oder Valaciclovir 500 mg p.o. 1-0-1
- Bei Geminigravidität Beginn ab 32+0 SSW. Bei anderen Risikofaktoren für Frühgeburtlichkeit individueller früherer Beginn erwägen.
- Bei primärer oder nicht-primärer erster Episode nach 28 SSW kann individuell erwogen werden, die antivirale Therapie bis zur Geburt fortzuführen; spätestens ab 36+0 SSW soll eine Suppressionstherapie erfolgen.
PPROM / früher vorzeitiger Blasensprung
- Bei PPROM und Zustand nach HSV-Episode in der Schwangerschaft oder aktueller rekurrenter HSV-Episode soll eine antivirale Therapie sofort begonnen und bis zur Geburt fortgeführt werden.
- Die Entscheidung zu einer Prolongation der Schwangerschaft nach PPROM kann unabhängig von dem Vorliegen einer akuten HSV-Rekurrenz getroffen werden.
- Bei PPROM und gleichzeitiger primärer oder nicht-primärer erster Episode soll das Vorgehen interdisziplinär mit Neonatologie festgelegt werden. Bei Prolongation der Schwangerschaft soll eine antivirale Therapie bis zur Geburt erfolgen.
Vaginale Geburt
- Eine vaginale Geburt ist möglich bei:
- primärer oder nicht-primärer erster Episode im 1. oder 2. Trimenon, sofern der Abstand zur Geburt mindestens 6 Wochen beträgt und bei Geburtsbeginn keine Läsionen oder Prodromalsymptome bestehen
- rekurrenter HSV-Infektion in der Schwangerschaft oder positiver Anamnese, sofern bei Geburtsbeginn keine Läsionen oder Prodromalsymptome bestehen
Sectio caesarea
- Eine Sectio caesarea soll empfohlen werden bei:
- Hinweisen auf primäre oder nicht-primäre erste genitale HSV-Episode bei Geburt
- primärer oder nicht-primärer erster Episode innerhalb von weniger als 6 Wochen vor Geburt
- vorzeitigem Blasensprung nach 37+0 SSW bei gleichzeitigen Hinweisen auf primäre oder nicht-primäre erste genitale HSV-Episode
- rekurrenter HSV-Infektion mit aktiven genitalen Läsionen oder typischen Prodromalsymptomen zum Zeitpunkt der Geburt. Die internationalen Guidelines sind sich in diesem Punkt aber nicht einig (siehe unten*)!
- Bei Blasensprung soll die Sectio bei entsprechender Indikation so bald wie möglich durchgeführt werden. Auch bei länger bestehendem Blasensprung kann eine Sectio bei primärer oder nicht-primärer erster Episode weiterhin sinnvoll sein. Es gibt keine Evidenz für eine Dauer des Blasensprungs, ab der die Sectio dem Feten keinen Nutzen mehr bringt.
- Bei rekurrenter HSV-Infektion (*) mit aktiven Läsionen oder typischen Prodromalsymptomen zum Zeitpunkt der Geburt empfiehlt die AGG und die ACOG eine Sectio caesarea. CNGOF und RCOG sehen aufgrund des Transmissionsrisikos von 0-3% keine generelle Sectio-Indikation. Nach Aufklärung über das geringe, aber nicht vollständig auszuschliessende neonatale HSV-Risiko kann bei Wunsch der Patientin eine vaginale Geburt erwogen werden. In diesem Fall sollten, wenn möglich, Amniotomie, Kopfschwartenelektrode, Fetalblutanalyse und vaginal-operative Entbindung vermieden werden. Zudem sollte ein Aufklärungsgespräch über die neonatalen Risiken auch von Seiten der Neonatologie erfolgen.
- Wenn trotz Indikation keine antivirale Prophylaxe durchgeführt wurde, soll bei Geburtsbeginn oder Blasensprung ein Vaginalabstrich zur HSV-PCR erfolgen, um die postnatale Diagnostik des Neugeborenen anzupassen.
Neugeborenes
- Intrauterine Infektionen im 1. und 2. Trimenon sind sehr selten. Trias aus Hautläsionen, Chorioretinitis und ZNS-Beteiligung am häufigsten beschrieben.
- Die Inzidenz wird insgesamt (symptomatische und asymptomatische Infektionen) mit 2.35/100'000 Lebendgeburten angegeben. Davon infizieren sich ca. 85% der Kinder intrapartal, 10% nach der Geburt und nur 5% intrauterin.
- Neonatale HSV-Infektionen manifestieren sich typischerweise zwischen dem 2. Lebenstag und der 2. Lebenswoche. Mögliche Manifestationen sind: mukokutane Infektion von Haut, Augen und Schleimhäuten, ZNS-Infektion, disseminierte systemische Infektion
- Risikofaktoren für schwere neonatale Verläufe sind maternale Erstinfektion um die Geburt, fehlende maternale typspezifische Antikörper, Frühgeburtlichkeit und verzögerter Beginn einer neonatalen antiviralen Therapie. Bei Verdacht auf maternale Infektion peripartal oder bei Läsionen unter Geburt soll die Neonatologie informiert werden
- Warnzeichen einer neonatalen HSV-Infektion im Wochenbett: Trinkschwäche, Fieber oder Hypothermie, Lethargie, graues Hautkolorit, Krampfanfälle, Haut-, Augen- oder Schleimhautläsionen => bei Verdacht sofortige neonatologische Beurteilung
Stillen und Wochenbett
- Stillen ist bei maternaler HSV-Infektion grundsätzlich erlaubt.
- Bei herpesverdächtigen Läsionen an der Brustwarze:
- Abstrich aus der Läsion zur HSV-PCR
- Stillen an der nicht betroffenen Brust möglich
- betroffene Brust bis zur Abheilung nicht direkt zum Stillen verwenden
- Läsionen abdecken und konsequente Händehygiene
- Ob die abgepumpte Milch aus der betroffenen Brust verwendet werden kann ist gemäss aktueller Studienlage unklar. Wir empfehlen diese zu verwerfen (übereinstimmend mit Empfehlungen RCOG, CDC)
- Bei Herpes labialis der Mutter: Neugeborenes nicht auf Mund oder Nase küssen, konsequente Händehygiene, Läsionen abdecken, Mundschutz bei engem Kontakt erwägen (insb. bei Frühgeborenen)
- Kontaktpersonen mit Herpes labialis sollen direkten engen Kontakt mit Neugeborenen vermeiden bzw. Mundschutz tragen, Hände gründlich desinfizieren und sichtbare Läsionen abdecken. Bei Frühgeborenen, insbesondere <32+0 SSW, soll der Kontakt durch Personen mit floridem Herpes labialis vermieden werden.
- Medizinisches Personal mit floridem Herpes labialis soll bei Kontakt mit Schwangeren oder Neugeborenen Mundschutz tragen und strikte Händehygiene einhalten.
Quellen
Schneider MO, Enders M, Huzly D, Pecks U, Faschingbauer F, Kagan KO, Kehl S. Genital Herpes Simplex Virus Infection During Pregnancy – Recommendations of the Working Group on Obstetrics and Prenatal Medicine (AGG – Section on Maternal Disorders). Geburtshilfe Frauenheilkd. 2026;86:509–527.
Brown ZA, Wald A, Morrow RA, Selke S, Zeh J, Corey L. Effect of Serologic Status and Cesarean Delivery on Transmission Rates of Herpes Simplex Virus From Mother to Infant. JAMA. 2003;289(2):203–209. doi:10.1001/jama.289.2.203
Clarke E, Patel R, Dickins D, Fidler K, Jackson A, Kingston M, Jones C, Lyall H, Nicholson M, Pelosi E, Porter D, Powell G, Foley E. Joint British Association for Sexual Health and HIV and Royal College of Obstetricians and Gynaecologists national UK guideline for the management of herpes simplex virus (HSV) in pregnancy and the neonate (2024 update). Int J STD AIDS. 2025 Jan;36(1):4-23. doi: 10.1177/09564624241280734. Epub 2024 Sep 30. PMID: 39348176.
Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Contraindications to Breastfeeding. Breastfeeding Special Circumstances. Updated December 8, 2025.
Patel R, Moran B, Clarke E, Geretti AM, Lautenschlager S, Green J, Donders G, Gomberg M, Samraj S, Tiplica GS, Foley E. 2024 European guidelines for the management of genital herpes. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025 Apr;39(4):742-758. doi: 10.1111/jdv.20450. Epub 2024 Dec 2. PMID: 39620271; PMCID: PMC11934026.
Urato AC. ACOG Practice Bulletin No. 220: Management of Genital Herpes in Pregnancy. Obstet Gynecol. 2020 Oct;136(4):850-851. doi: 10.1097/AOG.0000000000004115. PMID: 32976371.
Autor: L. Gabriel
Autorisiert: L. Sultan-Beyer
KSW Version: 1.0, 09/2026